multimediale Rauminstallation mit Julia Hainz, 2018

 

AA Alt 12 APIPA CAVE ist das Script eines Interfaces, das zur Überwindung des Spermas, die Befreiung des weiblichen Ejakulats zugleich ermöglicht und in einem Moment beides bezwingt. 

 

Rein chemisch betrachtet setzt sich das Substrat, das Trägerstoff des Scripts ist, aus saurer Prostataphosphatase, alkalischer Phosphatase, ß-Glucoronidase und Laktatdehydrogenase sowie einem großen Teil reinem Wasser zusammen. Das Substrat ähnelt der corpora cmylacea enorm. 

 

Versuche an Insectivora, Chiroptera, Rodentia und Lagomorpha beschreiben eine Transudation des Substrats, durch eine explosionsartige vasokongestive Reaktion der bulbi vestibuli, des plexus pudendalis und des pelxus vesicalis, ähnlich der Theorie des Kristellerschen Pfropfs. 

 

Nach einigen dry runs, kann AA Alt 12 APIPA CAVE nun in seiner digitalen Struktur über eine Benutzer*innenschnittschnelle  in die körperliche Materialität eingeschrieben werden.

 

Der selektive Chemical-Contouring-Scanner >Datatopia< erfasst den Trägerstoff sowie als auch den digitalen Code AA Alt 12 APIPA CAVE und wandelt die Daten für den Multi-Pass Compiler um. Mittels CAHD Programmen (cumputer aided human design) ließen sich bereits humanoide Prototypen entwickeln. 

 

In gedruckter Form kann es je nach Materie jeden Erscheinungszustand annehmen, wobei es sich über den eingeschriebenen Code AA Alt 12 APIPA CAVE wie ein chemischer Reinstoff auf digitaler Basis verhält. Ein neuer Quellcode reproduktiver Datenverarbeitung.

 

AA Alt 12 APIPA CAVE überwindet alle Ebenen menschlicher Sexualität, wie reproduktiv-biologische, medizinische, psychologische, ökonomisch-politische und zunächst auch die gewohnt sozialen Aspekte zugunsten einer neuen Art und Weise von Körpererfahrung auf digitaler Ebene.

 

 

Jede Beobachtung, auch so lässt sich die Unschärferelation lesen, beeinflusst in der Mikrowelt das beobachtete Objekt. Dem haftet freilich kein Mystizismus an, denn in atomaren Dimensionen ist das Mittel der Beobachtung (etwa Lichtstrahlen) notgedrungen von derselben Grö-ßenordnung wie die beobachteten Objekte selbst. Quantenphysiker sind permanent in der Situation von Blinden, die ihre Umgebung ertasten müssen, um sich davon ein Bild machen zu können - und die mit jeder Berührung ihre Umgebung beeinflussen.

Die Umgebung zu ertasten, um sich davon ein Bild machen zu können - als eine Wissen hervorbringende Tätigkeit - ist die gemeinsame Aufgabe von Quantenphysikern*innen und Künstlern*innen. Um aus der Perspektive der Künstler*innen heraus nicht anmaßend zu sein, muss an eine Dualität in der Herangehensweise zwischen beiden Ansätzen verwiesen werden. Wohingegen auf der Seite der wissenschaftlichen Forschung Prinzipien wie Objektivität, Reliabilität und Validität von Priorität sind, liegt demgegenüber in künstlerischen Verfahrensweisen der Fokus auf der individuellen, subjektiven Erfahrung. Beide beeinflussen ihre Umgebung über ihre Auseinandersetzung. Es ist die wechselseitige Beziehung zwischen dem Versuch ́Wirklichkeit ́ zu begreifen und sie zugleich zu verändern oder gar zu konstruieren. Größenverhältnisse und stoffliche Materialitäten können in beiden Forschungsperspektiven in neue Beziehungen zueinander treten.

Ungeheurer Fortschritt in Technik und Digitalisierung gehen mit dem Eindruck grenzenloser Gestaltbarkeit von Welt einher. Der Kunsthistoriker Wilhelm Worringer plädierte in seiner 1908 veröffentlichten Dissertation dafür, die jeweiligen Ausdrucksformen von Gesellschaften aus der Perspektive des zur jeweiligen Zeit vorherrschenden Weltgefühls zu betrachten. Je nachdem, ob im Zeitgeist ein Gefühl von positivem Einverständnis mit der Umgebung, von Überblick und Kontrolle oder in Dualität dazu, der Eindruck von Willkür, ein Gefühl von ausgeliefert sein gegenüber den Dingen und Vorgängen der Umwelt überwiegt, entspreche die Ausdrucksform bei Ersterem eher einem Bedürfnis zur Einfühlung, zur Darstellung der ́Schönheit ́ der Umgebung, oder bei Letzterem einem Verlangen nach Abstraktion, nach Ruhe, der als verworren empfundenen Erscheinungen der Außenwelt aus.

Worringer bezieht das Bedürfnis nach Abstraktion auf ein Überbleibsel eines menschlichen Entwicklungsstadiums, das er als eine Art geistige Raumscheu bezeichnet. Es sei das Relikt einer Angst aus einer embryonalen Phase, in der der Mensch sich noch nicht auf seinen visuellen Augeneindruck verlassen konnte und vorrangig mit dem Tastsinn versucht den noch undefinierten Raum zu begreifen. Worringers Bezug hier kommt der eingangs zitierten Perspektive auf die Verfahrensweise von Quantenphysiker*innen sehr nahe.

Aus einer zeitgenössischen Sicht betrachtet, lässt sich ein Weltgefühl nach Worringers Dualität nicht ohne weiteres definieren. Vielleicht oszilliert es heute gar zwischen beiden Polen. Zwischen dem Gefühl durch neue technische Möglichkeiten alles beherrschen zu können und dem Eindruck von Kontrollverlust angesichts deren Konsequenzen. In Bezug auf diese Entwicklungen leiden und profitieren sowohl künstlerische wie auch wissenschaftliche Forschungen gleichermaßen. Unserer heutigen Gesellschaft stehen unendliche Möglichkeiten zur Verfügung ́Wirklichkeit ́ zu begreifen und zu konstruieren. Von besonderer Bedeutung sind heutzutage allerdings auch Möglichkeiten, die sich einer Erkenntnis gezielt entgegensetzen, sei sie intersubjektiv vergleichbar, oder individuell. Unter wirtschaftlichen und politischen Interessen stellen Alternative Facts und Fake News jede Form von Erkenntnisgewinn infrage. Eine Antwort darauf kann nur ein radikal geführter Diskurs sein, der die eigenen Verfahrensweisen kritisch hinterfragt und sich selbst zur Diskussion stellen.